Das Schillingsgeläut des Mariendoms zu Hildesheim

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges waren von den 16 Läute- und Uhrschlagglocken noch 9 Läuteglocken vorhanden. Es sind dies: die Apostelglocke, die Godehardsglocke, die Bernwardsglocke, die Nikolausglocke, 2 Glocken mit dem Hauptton cis'', 3 Glocken mit den Haupttönen e'', dis'' und a''. Die ersten 4 hingen im Westturm, die übrigen im Vierungsturm.

Von diesen 9 Glocken konnte nur die Apostelglocke im neuen Geläut Verwendung finden. Die Godehardsglocke, die beim Luftangriff im Turm hing, erlitt so großen Schaden, dass sie nicht mehr geläutet werden konnte. Die Bernwardsglocke, die auf dem Glockenfriedhof in Hamburg war, kam auf dem Transport zu Schaden und war daher unbrauchbar. Beide Glocken sind eingeschmolzen. Das Metall fand beim Guss der neuen Domglocken Verwendung. Die Nikolausglocke wurde zuerst in den Vierungsturm gehängt, wo sie mit einer Läutevorrichtung versehen spielbar gewesen wäre, ist aber nun seit einigen Jahren im Nordparadies des Domes zusammen mit allen erhaltenen Armaturen ausgestellt. Ein "Wiederhören" mit dieser nur aus harmonischen Gründen stillgelegten Glocke sollte im Rahmen der anstehenden Domrenovierung ermöglicht werden. Die Glocke a'' hängt im Dachreiter der Kapelle des Domfriedhofes. Die übrigen kleinen Glocken sind an neu erbaute Kirchen als Leihglocken abgegeben.

                               Die Nikolausglocke

Die
Nikolausglocke

Bei der Aufstellung der Disposition des neuen Domgeläutes fanden die Geläute der benachbarten Kirchen Berücksichtigung. Es sind: St. Andreas mit dem Geläut: ges°, b°, des' und es' (es sollte noch eine Glocke es° gegossen werden, dieser Plan wurde aber bisher nicht ausgeführt), St. Godehard mit den Glocken b°, des', es', f' und as', Hl. Kreuz mit: des', es', ges', as' und b'. Im Hinblick auf die Geläute dieser Kirchen und die alte noch brauchbare Domglocke as° erhielt der Dom ein Geläut mit folgenden Haupttönen: f°, as°, b°, c', es' und f'. Diese 6 Glocken sind in 2 übereinander liegenden Turmkammern des Westwerks untergebracht.

1. Glocke Canta bona, f°

1. Glocke Canta bona, f°

2. Glocke Apostelglocke, as°

2. Glocke Apostelglocke, as°

3. Glocke Bernwardglocke, b°

3. Glocke Bernwardglocke, b°

4. Glocke Godehardglocke, c'

4. Glocke Godehardglocke, c'

5. Glocke Epiphaniusglocke, es'

5. Glocke Epiphaniusglocke, es'

6. Glocke Cäcilienglocke, f'

5. Glocke Epiphaniusglocke, es'

Die Glocken 1, 3 bis 6 sind im Jahre 1960 von Meister F.W. Schilling in Heidelberg gegossen. Aus seiner Gießerei gingen bislang etwa 6000 große Glocken hervor, darunter die Domgeläute von Freiburg i. Br., Mainz, Speyer, Fulda, Würzburg und auch das der Marktkirche in Hannover von 1951. Im Abnahmegutachten heißt es: "Die Schlagtonlinie des Sechsfachgeläutes liegt in jeder Hinsicht ideal. Die überaus vielen Kombinationen erklingen alle in tadelloser Reinheit. Die Nebentöne haben eine ausgezeichnete Lage. Die Mollterzen sind bei allen Glocken absichtlich um 2/16tel Halbton erhöht. Im übrigen haben alle Glockentöne eine angenehme Wärme, eine ungeheure Tonfülle und Majestät des Klanges. Angenehm fällt beim Anläuten der zarte Einsatz auf. Vortrefflich ist das langsame und gleichmäßige Anschwellen. Ebenmäßig verhallt der Nachklang."

Als im Sommer 1961 den Teilnehmern des Beratungsausschusses für das Deutsche Glockenwesen das neue Domgeläut vorgeführt wurde, hat es große Zustimmung und Bewunderung gefunden.

Unser Domgeläut ist ein harmonisch-melodisches Geläut mit progressiven Rippen, das heißt, man kann die Glocken so zusammen läuten, dass Akkorde und Melodien zu hören sind und gleichzeitig die tiefen Glocken die hohen durch das schwerer werden der Rippe nicht zudecken. Das frühere große Domgeläut ließ den Dreiklang in fis-Moll erklingen, was sehr wirkungsvoll war. Mit dem neuen Geläute kann man den f-Moll-Dreiklang läuten, der sehr feierlich und weihevoll klingt. Mit diesem Dreiklang sollte man an den Hochfesten läuten, während des Vollgeläut nur ganz selten zu hören sein sollte. Auch ein Dur-Dreiklang (As-Dur) kann erklingen. Mit diesem Dreiklang sollte man an Festen läuten, bei denen ganz besonders die Freude Ausdruck finden soll. Möglich und wertvoll sind folgende Motive: "Te Deum", "Salve Regina", "Gloria in excelsis Deo". Auch Kirchenliedanfänge sind gegeben. So zum Beispiel "Wahrer Gott, wir glauben dir", "Maria, Maienkönigin" und "Es führt drei König' Gottes Hand". Außerdem können Terz und Sekundgeläute zusammengestellt werden. Sollte man zuweilen nicht auch einmal mit Quarten und Quinten läuten? - Diese Zusammenstellungen sind beim Requiem, in der Fasten- und Adventszeit angebracht. Notwendig und nicht zu umgehen ist daher eine wohldurchdachte Läuteordnung, die dem Tage entspricht und die Art des Gottesdienstes erkennen lässt.

Infolge der Zerstörung aller Uhrschlagglocken sind hierfür die Läuteglocken eingesetzt. Der Viertelschlag wird von der 5. Glocke, der Vollschlag von der 4. Glocke ausgeführt. Als Angelusglocke dient die Canta bona mit jeweils 3 mal 3 Anschlägen. Anschließend läutet die 6. Glocke. Außerdem ertönt zur Wandlung die as°-Glocke. Da die Öffnungen der Glockenstuben sehr groß sind, wurden Holzjalousien angebaut. Sie bedeuten für das Geläut eine noch schönere Zusammenfassung des Klanges und man erreicht in unmittelbarer Nähe des Domes einen milderen und wärmeren Klang, während in größerer Entfernung des Geläut noch besser hörbar ist.

Bei der Planung des neuen Domgeläutes ging man davon aus, ein Geläut mit insgesamt 12 Glocken anzuschaffen. Die sechs kleineren Glocken sollten im Vierungsturm untergebracht werden. Für diese Glocken waren als Haupttöne vorgesehen: g', b', c'', es'', f'' und g''. Ihr Gewicht würde etwa 1600 kg betragen. Leider ist die Anregung bislang nicht zur Ausführung gekommen. Da das jetzige Geläut sehr grundtönig ist, sollte der ursprüngliche Gedanke, dasselbe aufzulockern und ihm dadurch mehr Helligkeit und Silberglanz zu verleihen dringend Beachtung bei der Domrenovierung finden. Außerdem würden die Läutemöglichkeiten wesentlich erhöht. Man sollte daher eine Ergänzung des wertvollen Domgeläutes angehen und, wie es zu allen Zeiten war, auch den Vierungsturm wieder mit Glocken ausstatten.

Überarbeiteter und aktualisierter Artikel von Pfarrer Aloys Tenge, Hildesheim aus "Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart" Jahrbuch des Vereins für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim Jg32-33 (1964-65) S.14-16

Redaktion: Stefan Mahr

(Herzlicher Dank an Herrn Andreas Lange, Wolfsburg für die freundliche Überlassung von weiteren Informationen.)